Wolfgang Nieschalk
        "Wer handelt, kann Fehler machen. Wer nicht handelt, hat bereits einen Fehler gemacht."

Karla Kühn mit Neuigkeiten



Hildegard Knef schrieb einmal:

"Die ideale Frau gibt es ebenso wenig wie den idealen Mann – bloß ein bisschen öfter."                  

 

 

Lovestory I.

 

Wie ein glühender Feuerball tauchte die Sonne am Horizont ins Meer. Zärtlich murmelnd berührten die Wellen den verlassenen Strand des Ostseebades, dem Badeort auf Rügen, wo Inge sehr oft mit ihrem vor acht Jahren verstorbenen Mann den Urlaub verbracht hatte. Heute weilte sie mit ihrer sechzehnjährigen Enkeltochter Eleonore für zehn Tage hier. Ihr Sohn hatte dieser Reise zugestimmt, und Eleonore jubelte. Herrlich ohne Papa und die Frau, die nicht ihre Mutter war, an der Ostsee Urlaubstage mit Oma zu verbringen.


Inge hatte rechtzeitig, rechtzeitig bedeutet zwischen Weihnachten und Silvester, ein nicht billiges Ferienhäuschen auf dem Campingplatz nahe am Strand gemietet.

Die Ältere und die Junge hatten in den vergangenen sonnigen Ferientagen viel erlebt. Mit dem >Rasenden Roland< waren sie über die Insel gefahren, hatten Kap Arkona besucht, die Kreidefelsen besichtigt, und immer wieder lagen sie am Strand, schwammen im Meer und wärmten sich in der Sommersonne. Lore hatte sich mit Gleichaltrigen angefreundet. Inge war auf dem Badelaken mit dem Buch in der Hand nur zur stillen Leserin und Beobachterin geworden.

Zwei Tage vor der Abreise hatten beide sehr unterschiedliche Pläne, Inge wollte zum Kurpark laufen und dort ein Konzert anhören. Hits aus ihrer Jugendzeit und Klassiker versprachen die auf den Plakaten angekündigten fünf älteren Musiker. Lore war von Omas Vorschlag begeistert. „Oma, lass Dir das nicht entgehen, vielleicht erlebst Du heute noch etwas sehr Interessantes. Ich werde mit meinen neuen Freunden den Abend verbringen. Die Jungen wollen den Grill anwerfen. Kannst Du mir bitte etwas Geld vorschießen? Bekommst es bestimmt zurück.“ Inge griff in den Umschlag, in welchem sie das Reisegeld verstaut hatte, und überreichte ihrem Enkelkind einen größeren Schein. Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen dachte sie: >Es ist doch so etwas von egal was es kostet, was soll ich mit der angesparten Knete, ich lebe jetzt, Hauptsache wir amüsieren uns, ich die Alte und die Junge.<

In Gedanken versunken lief Inge am Abend mit eiligen Schritten auf der Strandpromenade zum Kurpark. Sie war spät dran. Sie erschrak heftig, als sie über sehr große Männerfüße, welche in leichten Sommerschuhen steckten, fast gefallen wäre, wenn sie nicht starke Hände aufgefangen hätten. „Haben Sie denn keine Augen im Kopf?“ Der groß gewachsene Unbekannte hielt sie im Arm, während er unwirsch diese Worte aussprach. Inge musste ihren Kopf heben, um ihrem Retter in die Augen sehen zu können. „Bitte entschuldigen Sie meine Unachtsamkeit, es tut mir Leid.“ Hatte er sie überhaupt verstanden? Sie sah nur, dass der schlanke Mann mit weit ausholenden Schritten davon lief. So ein Tölpel, murmelte sie. Am Kurpark angekommen sah sie, dass die Besucher des Konzerts mit Gläsern in den Händen am Kiosk standen, wo diverse Getränke wie Kaffee, Bier, Weine u.a. angeboten wurde. Inge holte sich ein Glas Wein. Mit dem >Grauen Burgunder< in der Hand setzte sie sich auf eine der Bänke und bemerkte, dass der Herr, den sie auf der Strandpromenade angerempelt hatte, auf der gleichen Bank am anderen Ende saß. 

Als sie sich niederließ, nickte er ihr freundlich zu. Er hatte sie wiedererkannt und war sichtlich besser gelaunt. Wenige Minuten nach 20.00 Uhr betraten die Musiker die Bühne. >Dunkle Jeans, weißes Jackett, schwarze Hemden, smart gekleidet<, dachte Inge. Das „Open air-Konzert“ begann. Inge fühlte sich in eine Zeit versetzt, in der sie bei diesen Ohrwürmern mit ihrem Arnim auf dem Parkett im Gasthof getanzt hatte. Leise summte sie die Melodien mit und bemerkte plötzlich, dass der Herr mit den großen Füßen neben ihr mit einem Glas Rotwein Platz gefunden hatte. Schelmisch, wie ein großer Junge, sah er sie an. Auch er klatschte mit den Händen den Takt und sein Bass war nicht zu überhören. Nach fünfundvierzig Minuten verbeugten sich die Musiker, anhaltender Beifall zeigte Anerkennung von den Zuhörern. Eine kleine Pause wurde freundlich angekündigt.

Inge blieb auf der Bank sitzen. Als ihr Nachbar wieder auftauchte, hielt er zwei Gläser gefüllt mit schimmerndem Rotwein in der Hand. 

„Sorry, ich bin Werner. Bitte nehmen Sie die Entschuldigung für meinen unwirschen Umgang mit Ihnen an. Ich gestehe, dass es mir sehr peinlich ist. Ich bin nur noch ein paar Tage hier, dann muss ich zurück nach Lüneburg. Als Wiedergutmachung würde ich sie gern zu einem Ausflug einladen. Sie dürfen wählen. Ich dachte an die Kreidefelsen, je nach Wetter einen Besuch im Meeres Museum in Stralsund oder was halten sie von Hiddensee? Das wäre doch ein herrlicher Abschluss für diesen sonnigen Urlaub.“ 

Sie lächelte ihn an und nickte. Beide tranken noch einen Kaffee und Werner brachte sie zum Ferienhaus. Er hielt ihre Hand in der seinen. Sehr verlegen stand sie ihm gegenüber, als sie sich von ihm verabschieden wollte. Tief beugte er sich zu ihr, gab ihr einen Kuss auf die Wange, und sie duldete es. Sie fragte sich, warum sie diesem Fremden zugesagt hatte, warum war der Mann ihr sympathisch? Es hatte nach dem Tod ihres Arnim nie wieder einen Mann für sie gegeben. Warum dieses pochende Herz in ihrer Brust?

Am anderen Morgen stand sie pünktlich mit ihrem kleinen Rucksack auf dem Rücken am vereinbarten Treffpunkt. Werner strahlte sie mit einem jungenhaften Lächeln an.

„Hallo, junge Frau, wo darf ich sie hin verführen bzw. fahren?“ Inge zog die Schultern hoch. „Ich erkläre mich zu jeder Überraschung bereit.“

Er fuhr sie nicht an die Kreidefelsen, nicht nach Kap Arkona und nicht nach Stralsund. Er fuhr an einen etwas abgelegenen Strand, an dem die Hüllen vom Körper abgestreift werden durften. Inge lächelte versonnen. Sie kannte diese hüllenlosen Badefreuden von den Baggerseen rund um ihre Heimatstadt. Beide genossen die Zweisamkeit, schwammen wie zwei junge Menschen im Meer, lachten, küssten und umarmten sich, spürten ihre Körper und liebten sich. Jeder von ihnen hatte eine eigene Vergangenheit, die sie in diesen Momenten hinter sich ließen. Sie dachten nicht an den nächsten Tag, schon gar nicht an die Zeit, die folgen würde. Als die Sonne schon sehr tief stand, kleideten sie sich wortlos an, wortlos gingen sie, sich wie Kinder an den Händen haltend zum Parkplatz. Am Abend saßen sie im Strandkorb, plauderten, als würden sie sich schon viele Jahre kennen, und genossen eine vertraute Gemeinsamkeit. Seine Hand umschlang ihre, als wolle er sie für immer und ewig festhalten.

Inge und Werner verließen Baabe am gleichen Tag. Werners behinderte, an den Rollstuhl gefesselte Ehefrau, um die er sich liebevoll kümmerte, erwartete ihn in Lüneburg. „In guten wie in schlechten Zeiten werden wir zueinander stehen.“ Dieser Grundsatz band ihn an sie. Inges Wohnsitz war in Leipzig. Würden die beiden sich wieder begegnen? Das Ende der Story bleibt offen.

 







V.R. Daimer schrieb:

"Die größte Macht der Frauen liegt darin, dass sie besser mit Gefühlen umgehen können."

 

 

Lovestory II                         

 

Fünf Jahre waren nach dem sonnigen Ostseeurlaub in Baabe, den Inge mit ihrer 16-jährigen Enkeltochter Eleonore verbracht hatte, verstrichen. Den siebzigsten Geburtstag hatte Inge in diesem Frühjahr mit einer Freundin auf Gran Canaria gefeiert. Wie unverschämt, fast unerbittlich rasend schnell waren die Jahre vergangen, wenn man die Zeit, welche ihr noch bleiben würde, bedachte.

Mit den monatlichen Färben der Haare hatte sie aufgehört. Leuchtendes silbergraues Haar ohne farbige Strähnchen umrahmte ihren schmalen Kopf. Die Falten im Gesicht sah sie täglich morgens, wenn sie die Seite des Spiegels mit der Vergrößerung verwendete. Unbarmherzig hatte sich ihr Antlitz im Laufe der Jahre verändert. 

Bei ihrer Gartenarbeit spürte sie das Alter nicht. Einer Tanzgruppe der über 60-jährigen war sie vor einigen Monaten beigetreten und gab sich große Mühe mit ihrem jüngeren Partner die Tanzschritte zu erlernen, sie sich einzuprägen ohne ihm auf die Füße zu treten. Maximilian, genannt Max, ihr charmanter Partner war sehr rücksichtsvoll. Er beherrschte fast perfekt die große Kunst der verschiedenen Tänze, denn er besuchte bereits seit einigen Jahren diesen Kurs, um aufgrund des Männermangels, die in der Mehrzahl anwesenden Damen zu begleiten und mit den unterschiedlichsten Tänzen über das Parkett zu drehen. 

Inge freute sich auf diese Übungsstunden in der Tanzschule, sie brachten ihr Entspannung, ein  Losgelöstsein  vom Alltag und Abwechslung in der oft bedrückenden täglichen Einsamkeit. Und heute, gerade heute an ihrem Geburtstag, den sie glaubte allein verbringen zu müssen, lud ihr Tanzpartner sie zu einem Glas Wein in die Kneipe an der Ecke ein. 

Inge zögerte, denn nach der Begegnung mit Werner vor fünf Jahren war sie noch nicht wieder mit einem Mann ausgegangen. Die Erinnerungen an Werner, dem Mann, der ihre Gefühle durcheinander gebrachte hatte, die Gedanken an den heißen Sommertag mit ihm am FKK-Strand an der Ostsee und den Abend im italienischen Restaurant ließen sie nicht los. Nicht nur das war es, es waren die miteinander geführten Gespräche über gemeinsame Interessen für Musik, Bücher, Natur. Sie spürte noch immer dieses unglaubliche Gefühl der Verbundenheit. Dieser großgewachsene schlanke, trotzt seines Alters jugendlich wirkende Mann aus Lüneburg, gebunden an die schwer behinderte Ehefrau, sandte ihr in den vergangenen Jahren immer wieder Nachrichten mit handgeschriebenen Briefen oder auf dem Handy Fotos von seinen Enkelkindern und Erlebnissen mit ihnen. Aus seinen Worten, welche er ihr schrieb, glaubte sie zu erkennen, zu spüren, wie sehr er sich noch mit ihr, seiner Urlaubsbekanntschaft verbunden fühlte.

Wie sollte sie sich heute an ihrem Geburtstag entscheiden? Sie kannte Max nur vom Tanzkursus. Hatte er denn ihre Interessen? Ihr war bewusst, dass sie das nur ergründen konnte, wenn sie sein Angebot annehmen würde. Inge sagte zu, sie war neugierig auf diesen Mann geworden, an eine Liaison, welche ihr Leben beeinflussen könnte, wollte sie nicht denken. Die kleine Kneipe war voll besetzt. Gespräche schwirrten durch den Raum, an den schmalen Tischen saßen sich die verliebten oder sich kennenlernenden Pärchen gegenüber. Inge glaubte hier fehl am Platz zu sein.

Gedämpfte Musik war im Hintergrund zu hören. Inge verspürte Appetit auf ein Glas Wein, einen halbtrockenen grauen Burgunder, Max entschied sich für einen klaren Obstler und ein würziges Bier. Angeregt durch die alkoholischen Getränke flossen die Worte unbeschwert über die Lippen der beiden. Sie vertrauten sich ihr vergangenes Leben an. Diskutierten über die Ungereimtheiten in der Politik, in der Region und noch vieles anderes. Spät an diesem Abend verließen sie Hand in Hand das Lokal, Max brachte Inge mit dem Taxi nach Hause. 

Dort angekommen stand sie dem Jüngeren etwas verlegen gegenüber. Für sie unerwartet nahm er sie in die Arme und gab ihr ungeniert einen Kuss. Spontan drehte er sich von ihr weg und lief schwungvoll zum Taxi zurück. Die ältere Frau konnte ein Lächeln nicht unterdrücken und sie spürte eine wohlige Wärme in ihrem Körper aufsteigen. Was war denn das? Inge konnte an diesem Abend nicht einschlafen, die Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. >Mein Gott, ich in meinem Alter muss doch wissen, was ich tu.< 

An einem Tag, als Inge vom Einkauf zurückkam, entnahm sie dem Postkasten einen von Werner gesendeten Brief. Noch im Treppenhaus riss sie ungeduldig den Umschlag auf: >Inge, hättest du Lust mit mir für ein paar Tage an der Ostsee in Baabe zu verweilen? Du brauchst nur ja zu sagen und anzureisen. Bitte sag zu. Meine Frau weiß Bescheid und sie war es, die mich dazu drängte eine Auszeit zu nehmen.“

Lange hielt Inge den Brief in ihren Händen, sollte sie zusagen, sollte sie dieses wunderbare Erlebnis mit ihm, so wie vor fünf Jahren es geschehen war, wiederholen? Oder wäre es vom Gewissen für sie vertretbarer, angesichts ihres Alters oder des Respekts vor dieser kranken Frau, sich zurückzuziehen und sich in den Ruhestand der Liebesgefühle zu begeben? Oder würde sie nach einem für sie so wunderbaren Erlebnis, erneut den Verlust eines geliebten Menschen verkraften können? Und danach viel Kraft brauchend, um all das zu verwinden, was im Nachhinein knallhart Einsamkeit bedeuten würde? Wollte sie das?

Ruhelos war diese Nacht für Inge, ihr wurde heiß und kalt, sie wälzte sich im Bett von einer Seite auf die andere. In den frühen Morgenstunden hatte sie einen Entschluss gefasst. Ich werde Werner zusagen, ich werde mit ihm für die von ihm geplante Zeit zusammen sein. Ich will es, und ich fühle mich noch nicht zu alt dafür. Sie schrieb am nächsten Morgen eine kleine Nachricht. „Ja, Werner, ich will, ich freue mich sehr. Wir sehen uns.“

An dem genannten Tag im Juni  trafen beide fast gleichzeitig im Ferienort Baabe ein und standen sich vor der von Werner gemieteten Pension sprachlos gegenüber. Immerhin waren fünf Jahre seit dem letzten Wiedersehen vergangen. Besonders Inge war unsicher geworden, als sie diesem hageren, erschöpft wirkenden großgewachsenen Mann gegenüber stand. Die Jahre hatten ihm zugesetzt, sie machte sich nichts vor, ihr war bewusst, dass auch an ihr die Alterungsprozesse nicht spurlos vorüber gegangen waren. 

Da war die Erinnerung an die Begegnung mit Werner vor fünf Jahren, den Tanz mit ihm nach dem Konzert, er mit seinen großen Füßen in Strandlatschen und sie so klein gewachsen zu ihm aufblickend. Das Schwimmen ohne Bekleidung im Meer und die völlig unbeschwert genossene körperliche Zweisamkeit am Strand. Heute stand ein völlig anderer Mann vor ihr. Und doch, als sie ihm in die braunen müd gewordenen Augen sah, glaubte sie, ein winziges Leuchten zu erkennen, ein Leuchten, welches ihr nur gelten konnte.

Die Hände zweier Menschen fanden sich. Die Lippen berührten sich zaghaft, zärtlich und dann stürmisch und fordernd. Er musste sich tief hinab beugen, um spontan und unendlich vertraut sein vom Haar licht gewordenes Haupt auf ihre schmale Schulter zu legen. Sie roch ihn, sie spürte ihn, und dafür gab es keine Worte. Nach zwei herrlichen sonnenreichen Wochen mit Werner an der Ostsee entnahm sie in Leipzig angekommen ihrem Postkasten ein schwarz umrandetes Kuvert. Absender war Werner aus Lüneburg. Inge schauderte, eine Ahnung überfiel sie, welche Nachricht ihr der Inhalt preisgeben würde.

Ein Brief lag im Kuvert. Werners Frau war im Hospiz verstorben. Der Verlust hatte ihn schwer getroffen, das gab er unumwunden zu, er hatte sie sehr geliebt und doch erkannte Inge am Ende des langen Briefes, welche geheime Freude und Nähe er im Zusammensein mit ihr an der Ostsee in sich trug, und die Sehnsucht nach ihr.

Inge griff zum Teeglas und dachte: "Inge, es gibt Fügungen für uns Menschen, wer möchte das bestreiten, ich jedenfalls nicht. Ich habe eine Wahl, wer hat das schon und dann noch in meinem Alter? Werner, ich freue mich auf ein Wiedersehen mit dir. Gott möge mir meinen Egoismus verzeihen."

 

  




Dies ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Haben wir, die hochkultivierten wissenden Menschen keine Ahnung, wie wir die Laute in der Natur hören und verstehen können? Bleiben sie uns wirklich verborgen? Können wir sie erfassen? Nur die Phantasie kann eine Beschreibung davon geben:

 

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte 

 

Seit Jahren standen sie sich gegenüber. Eng vertraut, fast greifbar nahe. Nur eine Holzbank trennte sie zwischen ihren verwurzelten Füßen. Morgens, wenn die Sonne am Horizont über den Wolken herausbrechend ihr warmes Licht über das Land ausbreitete, blinzelten sie sich verschlafen an. Seine großen Augen blickten bewundernd auf sie. Er verehrte sie, sie war einfach zu schön, kerzengerade schlank gewachsen. Er glaubte, dass sie sich dem Blau des Himmels immer höher entgegen strecken wollte. Ihr Oberkörper wölbte sich rund und biegsam über ihren schlanken makellosen Stamm. „Liebste, komm zu mir, ich kann dich nicht erreichen, bitte komm.“

Raunte er ihr leise und zärtlich zu. Bei diesen Worten bogen sich seine

Zweige zärtlich im Wind ihr entgegen. Sie lauschte seinen schmeichelnden Worten, bog sich und konnte ihm trotz aller Anstrengung nicht näher kommen, ihn nicht erreichen. 

In den Jahren, in denen sie sich gegenüber standen, war eine große Zuneigung zueinander gewachsen. Grausam war für beide, dass es ihnen in der Zeit ihres Daseins ewig verwehrt bleiben würde, sich zu nähern sich zu vereinen. Ihre und seine schwingenden Arme trafen sich ganz zart und flüchtig und nur dann, wenn der Wind aus süd-westlicher Richtung stürmisch über die Weiten der Flure fegte. Starr blickte er auf die Bank, die zwischen der Geliebten und seinem kräftig gewordenen jungen Stamm auf dem Wanderweg stand. 

Dort traf sich fast an einem jeden Abend an diesen herrlichen warmen Sommertagen ein junges Pärchen. Sie küssten und liebten sich ganz ungeniert. Die Anwesenheit der beiden rechts und links neben der Bank stehenden Bäume störte die beiden Liebenden nicht, sie fühlten sich geborgen und unbeobachtet. Sie schienen das leise Rauschen und den wohltuenden Schatten, welchen das grüne Dach der beiden Bäume in der untergehenden Abendsonne spendete, zu genießen. In diesem Sommer war die junge Frau kräftiger geworden, ihr Bauch wölbte sich stark und rund unter ihrem bunten weiten Sommerkleid. Sie blieben einige Zeit der Bank fern und die beiden Bäume vermissten das Pärchen. Eines Tages kamen sie zurück mit einem Kind in ihrer Mitte. 

Jahre vergingen, in denen Wanderer vorüber kamen und sich auf der

Bank zur Ruhe setzten, ihre Brote und Getränke auspackten. Schlimm war, dass nach deren Besuche oft der Unrat an den Füßen der Bäume achtlos liegen blieb. 

Die Jahreszeiten kamen und gingen, wechselten und immer wieder geschahen die sich gleichenden Szenarien vor den beiden Bäumen und der morsch gewordenen Bank in ihrer Mitte. An einem sonnigen Herbsttag kam ein in die Jahre gekommenes Paar zur Bank. In der Sonne blinzelnd erkannten die beiden freudig das damals so junge Liebespaar wieder, welches sich unter ihrem Laubdach geliebt hatte. Müde setzten sich die beiden gebrechlich gewordenen Menschen. Sie hielten sich an den Händen. Liebevoll neigte sie ihr ergrautes Haupt zu seinem Mund, wenn er ihr etwas sagen wollte. Vielleicht war ihr Gehör nicht mehr so intakt oder sprach er zu leise? Der Winter legte schweren, nassen Schnee auf die Zweige der Bäume. Sie, die Jüngere und schlank Gebliebene, blickte voller Sorge auf ihn. Würde er noch lange die Schwere des nassen Schnees tragen können, oder würden seine Äste, so müde geworden wie sie aussahen, abbrechen, würden sie, einfach haltlos geworden, wegknicken? 

Die milde Luft im nächsten Frühling ließ beide aufatmen. Ihre Zweige schienen unter den auf sprießenden kräftigen Knospen zu sprengen. Auch er grünte, auch er hatte den heftigen Winter fast unbeschadet, bis auf die Äste, die auf den Waldboden nieder gefallen waren, überstanden. Eines Tages, der Herbst ließ die Blätter wieder in den schönsten Farben leuchten, befuhren schwere Fahrzeuge den

Wanderweg. Der Waldboden schien zu beben. Männer bemalten die Baumstämme, die seit vielen Jahren dort standen, mit roten leuchtenden Kreuzen. Warum nur, was bedeutete das? Die Liebenden verstanden kein Wort der Arbeiter mit den grell leuchtenden Westen. Sie versuchten ihre Zweige mit dem aufkommenden Süd-West Wind ineinander zu verschlingen. Sie ahnten eine aufsteigende ungewöhnliche Gefahr. 

„Männer, mir fehlen die Worte, das ist doch zu traurig, dass diese wunderschönen Bäume der Umgehungsstraße weichen müssen. Aber darüber dürfen wir nicht urteilen, das würde sich nicht lohnen.“ Die unheimlichen, lärmenden Maschinen fingen an, die Stämme von ihren tief in der Erde verwachsenen Wurzeln zu trennen. Erschrocken und hilflos sahen sich die Liebenden an. Begriffen hatten sie diese Worte nicht. Wie sollten sie es auch? Sie fielen schwer unter dem scharfen Schnitt der Kettensägen. Beide stürzten fast gleichzeitig

Aneinander geschmiegt über die Bank, die bis zu diesem Moment immer noch zwischen ihnen gestanden hatte. Die in die Jahre gekommene konnte die schwere Last der beiden stürzenden Bäume nicht tragen. Morsch und porös geworden fiel sie in sich zusammen, klappte einfach weg, eng umschlungen von den Ästen der ihr so vertrauten Freunde, die sich, verwoben miteinander, endlich in dieser unmöglichen Situation vereinigen konnten. 




Worte von Voltair: 

Das erste Gesetz der Freundschaft lautet, dass sie gepflegt werden muss. Das zweite lautet: Sei nachsichtig, wenn das Erste verletzt wurde. 

                                                                                                                     

Der Brief an die Freundin

Zum dritten oder war es schon das vierte Mal, dass Liane am Fenster sitzend den Brief, den sie nach einem Treffen mit der Freundin an sie verfasst hatte, kritisch las. Sie zweifelte immer wieder, ob sie ihn frankieren und anschließend in den Briefkasten werfen, oder mit ihren schmal gewordenen Fingern einfach zerreißen und in den Papierkorb werfen sollte. Sie polierte die Gläser der Lesebrille, schob diese auf die Nase und las erneut den von ihr verfassten Text:

 

„Liebe alte Freundin Regine,

sehr lange und immer wieder habe ich über den Inhalt meines Briefes, den ich an Dich sende, nachgedacht. Ich brauchte Zeit für die Überlegung, ob ich ihn der Post übergeben sollte. Würde ich den Brief morgen früh einwerfen, würdest Du ihn am nächsten Tag in den Händen halten und ich sehe bildlich vor meinen Augen, wie Du das Papier mit dem zarten Blumenmuster an den Rändern in der Hand haltend auf deinem breiten Sessel sitzend lesen wirst. Deine Stirn wird zu den bereits vorhandenen winzigen Fältchen noch ein paar zweifelnde und nachdenkliche dazu bekommen. Die Augen mit dem zartem Knitter rechts und links der Schläfen, die graugrünen Augen, welche noch keine Brille zum scharf auf das Lesematerial blickend brauchen, wirst Du vielleicht zweifelnd an die Decke deines Wohnzimmers aufschlagen und folgendes denken: Mein Güte, was teilt  mir Liane gerade wieder mit?“

Liane unterbrach das Lesen des Schreibens und blickt nachdenklich aus dem Fenster. Sie fuhr sich durch das krause kurzgeschnittene silberne Haar und murmelt leise: Ich hoffe, liebe Regine, dass Du zwischen den Zeilen meine Gedanken an Dich errätst. Ich hoffe sehr darauf. Die nachdenkliche Frau las den Brief, den sie ihrer

Freundin senden wollte, weiter.

„Meine Liebe, wir beide waren keine Schulfreundinnen, an verschiedenen Orten trugen wir die Zuckertüte in unseren Armen aus den Schulgebäuden, nie stolzierten wir im Backfischalter, heute Teenager genannt, mit Miniröckchen bekleidet gemeinsam Arm in Arm ins Kino oder zum Tanz, und nie genossen wir miteinander die schmachtenden Blicke der Jungen. Nein, wir begegneten uns viel später, wir waren bereits verheiratet und hatten Nachwuchs.

Ihr wohntet noch nicht lange in unserem kleinen Ort. Bekannte hattest Du damals noch nicht. Du und dein Mann hattet von der Firma deines Mannes eine Neubauwohnung in unserem Dorf bekommen.

Wie so vielen Mütter, die zum Lebensunterhalt mit beitragen mussten, brachten wir unsere Kinder morgens in den Kindergarten. Wir waren Kolleginnen und saßen uns an zwei von Holzwürmern durchlöcherten alten Schreibtischen in einer Firma im Ort gegenüber. Hauspantoffeln, Latschen nannten wir sie, wurden aus wärmenden Filz maßgerecht zugeschnitten, gefertigt und versandt.

Wenn du Erledigungen in der nahe gelegenen Stadt vornehmen musstest oder Arzttermine hattest, vertrautest Du mir Deinen kleinen Jungen an. Eine Oma gab es nicht, nur mich, die Liane.

Wir wurden Freundinnen und gingen gemeinsam mit unseren Männern zum Tanz, besuchten uns und saßen an warmen Sommerabenden in unseren gepflegten Schrebergärten beim Grillen, kühlen Getränken und interessanten Gesprächen. Bis spät in die Nacht redeten und lachten wir gemeinsam. Vom kühlen zarten Licht des Mondes begleitet, einer unbeschwerten Stimmung hingegeben und nach der Musik aus dem Kassettenrecorder tanzten wir auf den harten Betonplatten, die vor der kleinen Laube ausgelegt waren. Du wirst meiner Meinung sein, dass wir diese gemeinsame Zeit nie vermissen möchten. Es gab auch Monate, in der ich Dich auffing, Dir half über eine schwere Ehekrise hinwegzukommen, wir redeten. Regine, die Ehekrise habt ihr überwunden. Du hattest den Kampf gegen die andere Frau, die Geliebte deines Mannes gewonnen.

Es gab eine Veränderung in unserer Gemeinsamkeit. Wir verließen den Heimatort, einen großen Teil der Familie, die mit uns eng

Karla Kühn – Der Brief an die Freundin

vertrauten Freunde und Bekannte. Das war nicht einfach, aber es gab für meinen Mann und mich berufliche Gründe diesen Schritt zu tun.

Wie sehr wir, du meine liebe Freundin und dein Mann, miteinander verbunden sind, zeigt, dass wir uns regelmäßig einmal im Jahr für ein paar Tage im Gebirge, welches in der Mitte unserer Heimat liegt, treffen. Wir unternehmen Wanderungen, sitzen an den Abenden bei einem guten Essen, Wein und Bier, und gemeinsamen Karten- oder Brettspielen, lachen und diskutieren oft auch heftig über die Politik des Landes, über die deutsche Vergangenheit und ihr übtet Kritik an uns, weil wir euch verlassen hatten. Und doch gab es immer wieder viel Verständnis für das Leben eines jeden von uns. Diese Jahre, meine Liebe, hat unsere Freundschaft geprägt und gefestigt. Nun sind wir ins Alter gekommen und vielleicht auch dünnhäutiger geworden. Kritiken kann man in jüngeren Jahren besser wegstecken oder verkraften. Bist Du auch meiner Meinung?

Und nun komm ich endlich zum Grund, warum ich Dir dies alles so ausführlich schreibe:

Den verdienten Ruhestand im Rentenalter wollte ich nicht akzeptieren. Noch nicht. Ich fand ein Hobby. Ich erzählte Dir, dass ich mich einer kleinen Gruppe von der Literatur begeisterten Menschen anschloss. Geschichten, Erzählungen, für der Literatur nicht verbundene nichts Erhebendes. Ich schrieb die Gedanken auf, die mir so einfielen und wie ein Spuk im Gehirn auftauchten.

Zwei, oder waren es drei meiner Geschichten steckte ich vor längerer Zeit in den Briefumschlag und sendete sie Dir. Ich sehnte mich nach Deiner ehrlichen Meinung, Du merkst, ich wollte Dich in mein Schaffen mit einbeziehen. Leider gab es von Dir weder eine Kritik, noch eine positive Nachricht, ein Mail erreichte mich: Hallo Liane, wie kommst Du denn auf solche Gedanken? Mir würde all so etwas nicht einfallen.' 






Der Liebe kann kein Zwang angelegt werden, die Liebe kommt und die Liebe geht. Wohl dem, dem es gelingt, ein Leben lang sie festzuhalten


Der Atlantik


Endlich waren sie am Ziel der Urlaubsreise angekommen. Für Portugal hatte er sich entschieden, dort, davon war er überzeugt, wäre die Küste am Atlantik besonders interessant, skurril mit dem steil zum Wasser abfallenden Felsen, und denen, welche ihre  spitzen Kuppen aus dem blauen in der Sonne glänzendem Wasser bizarr herausstreckten.

Es gab die schmalen Sandstrände zum Ruhen, Schwimmen im Meer, Wanderungen auf den schmalen Wegen, welche auf den Höhen entlang des Ozeans führten  und noch vieles mehr erwartete das Ehepaar, welche eine Woche Gemeinsamkeit für Gespräche über ihre für beide spürbar gescheiterte Ehe nutzen wollte. Die Kinder waren schon seit längerer Zeit aus dem Haus ausgezogen. Dafür war der Alltag eingezogen und hatte sie rigoros überwältigt. Sie pflegte am Wochenende das Haus, den Garten und er gab sich seinen Interessen hin. Streitereien oder Sprachlosigkeit waren an der Tagesordnung. Sie hatte im Fitnessstudio einen Mann kennen gelernt. In den Pausen zwischen dem Training sprachen sie oft miteinander. Er war nie aufdringlich, er war sehr höflich und lachte sie mit seinen tiefblauen Augen an. Sie gab zu, dass er ihr gefiel, sie freute sich auf jedes Wiedersehen mit ihm. Und ihr Mann, der Gedanke an ihn, ließ Fragen aufkommen.

Das Ehepaar litt unter den täglichen Auseinandersetzungen. Der Ehemann glaubte seine Frau noch immer zu lieben. Diese Tage an der Atlantikküste sollte ein letzter Rettungsversuch, ein Neuanfang für die Ehe sein, und sie war einverstanden, diese Reise mit ihm zu unternehmen. Man könnte daraus schließen, dass auch sie noch  Zweifel über eine Trennung von ihm hatte.

Nach Ankunft im Hotel am Santa Anna Strand in Portugal entnahmen sie den Koffern nur das Nötigste, kramten nach den Utensilien, welche  sie für einen Strandgang benötigten. Unbedingt und voller Erwartung wollten sie an diesem sehr heißen Nachmittag die Küste  kennen lernen. Decke, Sonnenschirm, Handtücher, Wasserflaschen wurden  im Rucksack und in der großen bunten Badetasche verstaut. Die Sonne brannte unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herab. Sie schwitzten, sie schnauften und hofften endlich am Rand der Klippe angekommen, den unten liegenden Strand  zu erreichen. Unebene  Stufen waren in die Felsenwand eingelassen und sie kletterten hinab und blickten am Ziel angekommen auf einen schmalen beengend wirkenden Sandstrand.  Auf der letzten Stufe der Treppe stehend ergriff er ihre Hand, seine Augen suchten die ihren, sie blickte zur Seite, sie wich seinem fragenden und fordernden Blick aus. 

Sie waren die einzigen Badegäste, erklären würde das der heutige Abreise- bzw. Anreisetag. Die neu angekommenen Urlauber würden sich wohl erst eine Pause nach dem Flug gönnen, um am nächsten Morgen ihr Urlaubsgebiet zu erkunden. Dicht am Felsen legte er die Decke aus, mit lässiger Handbewegung schmiss er die Handtücher darauf. Die gesamte Bekleidung, die er trug,  ließ er  vom Körper abfallen. Splitternackt glitt er auf die Decke, räkelte sich lässig und verschränkte die Arme auf dem untergeschobenen Handtuch hinter dem Kopf,  schon im Halbschlaf begriffen raunte er seiner Gattin zu: „Schatz, ich bin dann mal weg, du weißt, wie ich das meine, du wirst bestimmt zum Buch greifen, es liegt ganz unten in der Badetasche.“ Ihr Blick glitt über seinen Körper. Ein sportlich durchtrainierter Körper bot sich ihren Augen. Wann hatte sie ihn den das letzte Mal so nackt gesehen? Warum hatten sie sich so voneinander entfernt? Er hatte sie bestimmt nie betrogen, sie ihn auch nicht. Beide waren auseinander geglitten, wie konnte man das schildern? 

Sie wollte in diesem Moment nicht darüber nachdenken. Alles wird gut, er wird sich ausruhen, sie entschied  sich nicht zum Buch zu greifen, sie wird mit ihrem neu erworbenen Bikini endlich ins kühle Wasser steigen. Auf den Zehenspitzen, um den kleinen hartkantigen Muscheln auszuweichen, lief sie zum Meer und sah verzückt auf die  gurgelnden Wellen, welche sich spielerisch im ständigen auf und ab um die vom Wasser abgerundeten Steine bewegten.

Das Ehepaar hatte sich keine Zeit genommen, um den Hinweis im Hotel für die Angaben der Gezeiten wahr zunehmen. Jetzt war der Zeitpunkt des landeinwärts fließenden Wassers gekommen, dessen schleckende Wellen Besitz ergreifend den schmalen Strand eroberten, einnahmen und irgendwann am späten Nachmittag überschwemmten. Für das Auge des Beschauers war dies ein immer wieder wunderbares Naturereignis.  

Glucksend, in der Sonne glänzend und völlig harmlos scheinend gurgelte das Salzwasser an die Küste. Endlich spürte sie die wohltuende Abkühlung von den Füßen nach oben in den Körper steigen und es kam ihr vor, als würde sie losgelöst von den täglichen Problemen im Ozean abtauchen können. So verschwitzt und ermüdet nach dem langen Flug sollte es Erholung bringen. Sie rannte und sprang über die spritzenden Wellen bis  das kühlende wirbelnde Wasser ihr bis zur Brust reichte. Sie spürte den  Sog, welcher vom Rückfluss der Strömung ihre Füße vom Sandboden wegdrückte. Die Wellen wurden immer heftiger, Schaumkronen lagen darauf und der Rücklauf der Strömung vom Strand her kommend wurde immer heftiger spürbar. Wie im Taumel ignorierte sie es, übermütig  schwamm sie in die entgegenkommenden, sich aufbauenden Wasserburgen. Den Grund unter ihren Füßen hatte sie schon längst verloren, die hohen Wellen schlugen  über ihrem Kopf zusammen, sie sog zur Oberfläche auftauchend die Luft ein, die Welle erwischte sie erneut, sie tauchte unter und schluckte die salzige Brühe. 

Das Auftauchen war nur kurz, dann wieder befand sie sich unter der Wasseroberfläche, dröhnende Geräusche erklangen in den Ohren. Was soll das? Ihre Gedanken flogen, nein, sie war  kein  Schwächling.  Energisch und kraftvoll schwamm sie nach erneutem Auftauchen, es war das vierte oder fünfte Mal gewesen, nach vorn dem Strand entgegen. Immer wieder mit kräftigen Bewegungen, Luft schöpfend, abtauchend, gurgelnd und Salzwasser spuckend, immer wieder nur nach vorn. Wie ins Feuer getaucht brannten die Augen vom salzhaltigen Wasser des Atlantiks. Sie nahm den Schmerz in Kauf,  der  war im Moment nicht wichtig, Hauptsache sie würde es schaffen, den Strand zu erreichen, und wieder Boden unter den Füßen verspüren. Prustend, erschöpft und am Ende ihrer Kräfte kroch sie auf  Knien und den Ellenbogen gestützt an das endlich erreichte Ufer. Der Strand war zu diesem Zeitpunkt zu einem schmalen Band zusammengeschrumpft.

Die Decke vor dem Felsen, auf der ihr Mann immer noch dösend ausgestreckt lag, hatte das Meer noch nicht erreicht. Müde nahm sie ihr Handtuch und schaut auf ihn. In diesem Moment blickte er sie mit schmalen verschlafenen Augen an: „Oha, du bist ja ganz nass,  warst du etwa schwimmen, hattest du Spaß im Wasser? Ich gehe da jetzt nicht mehr rein, ich habe Hunger“

Waren es diese lässig ausgesprochenen Worte, welche kein Interesse an sie erwecken ließ, war es dieser verschlafene, kraftlose Blick, mit dem er sie ansah? Plötzlich überkam sie eine innere Leere. Was wollte sie hier, was hatte sie sich erhofft? Sie war doch schon lange weit weg von ihm, ihrem angetrauten Mann. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie ihr Leben nach dem Urlaub  weiter verlaufen würde.


Und - was glauben Sie, wie sie sich entschieden hat?

 

 

 
 
 
E-Mail
Anruf